, 2007

Die Geliebte - Biest oder Opfer?

Ein gebundener Mann hat Vorteile. Er stellt keine Ansprüche, die Beziehung bleibt spannend, die Opferrolle ist garantiert! Wenn es nur so einfach wäre ...

Dass er verheiratet ist, konnte ja niemand ahnen. Jetzt hat sie den Salat.
Foto: iStockphoto

So gesehen hatte sie keine Chance. Der Typ war toll - eloquent, witzig, gut aussehend. Also folgte sie ihrem Gefühl. Und entsprach damit exakt dem weiblichen Verhalten, das ein Psychologe in Bristol kürzlich durch eine Studie belegte: Frauen fliegen auf den Mann, der sie am besten davon überzeugen kann, ein guter Liebhaber zu sein. Und das hatte er. Theoretisch und praktisch.

Dass er verheiratet ist, konnte ja niemand ahnen. Jetzt hat sie den Salat.

Eben noch auf Augenhöhe, avancierte sie zu einem Anhängsel, einer Schatten-Existenz. Von der Ver- zur Geliebten.

Keine Entwicklung, auf die man stolz sein durfte - nicht erst seit Camilla Parker Bowles ist bekannt: Die Geliebte hat ein Imageproblem - sie ist illegal, sie ist ein Sexobjekt und darüber hinaus eine Bedrohung für die Familie. Die Geliebte steht irgendwie immer auf der falschen Seite.

Wo sitzt der Riegel beim Menschen?

Selbst schuld, werden nun einige sagen. Wer wäre so dreist, bei einer besetzten Toilette an die verschlossene Tür zu trommeln? In der U-Bahn quetscht man sich auch nicht einfach auf einen Sitz dazu oder gar auf den Schoß eines Fahrgastes. Und wenn der Besetztton im Telefon ertönt, legen wir auf und versuchen es, wenn die Leitung wieder frei ist.

Klingt schön einfach. Doch wie ist es in der Liebe? Wie erkennt man, ob ein Mann besetzt ist? Seine Frau kann schlecht einen roten Riegel vorschieben oder einen Piepton erklingen lassen, wenn man ihrem Gatten zu nahe kommt. Also ist man auf andere Hinweise angewiesen: Eheringe zum Beispiel.
Doch die kann man in die Hosentasche stecken. Oder ignorieren.

Meist ist es eine Mischung aus beidem: Er sagt nichts, sie fragt nicht. Ist ja nichts Ernstes. Ernst wird es erst, wenn zu all den Hormonen auch noch Gefühle hinzukommen. Dann heißt es Farbe bekennen.

Eigentlich müsste sie jetzt so etwas sagen wie: "Komm wieder, wenn du frei bist!". Kann sie aber nicht. Und will es auch nicht. Denn längst bilden ihre Östrogene und seine Testosterone einen geradezu karmischen Cocktail.

Ein Höhepunkt jagt den nächsten

Ihre Freundin, die inzwischen mehr darüber weiß, als ihr lieb ist, hört immer wieder von ihr: "Der Sex ist überirdisch! Unsere Gespräche übersinnlich! Jede Begegnung unvergleichlich!"

Nun ja. Jede Affäre nährt sich von Höhepunkten - mehr hat in der Eile ohnehin keinen Platz.

Tatsache ist aber auch: Eine Affäre lässt den Schmetterlingen im Bauch keine Zeit sich zu setzen. Sie flattern so lange, bis sie sich anfühlen wie Grönemeyers Flugzeuge. Wehe, wenn sie landen.

Und irgendwann beginnt sich das teuflische Rad zu drehen:

Viel zu langes Warten auf viel zu kurze Begegnungen. Keine gemeinsamen Wochenenden, Urlaube oder Festtage. Und immer die goldene Regel vor Augen: Keine Anrufe, keine Briefe, keine Fotos. Keine gemeinsamen Freunde, kein Händchenhalten und Küssen in der Öffentlichkeit. Die Frage: Was fangen wir an mit diesen wenigen Stunden? findet ihre Antwort meist im Bett.

Am Anfang akzeptiert sie das, denn: Er schwört, dass er sich bald trennt. Seine Ehe nurmehr auf dem Papier besteht. Sie die Einzige ist. Und sie übt sich in Geduld. Weil seine Kinder noch klein sind. Er gerade das Haus abbezahlen muss. Eine Scheidung ihn in den Ruin treiben würde.

"Du bist die Einzige, die mich versteht!" sagt er dann in ihr gequältes Lächeln hinein und macht es sich bequem in der Dreierkonstellation aus Sicherheit, Spaß, Selbstbestätigung. Geschenkt, denkt sie, was hab ich davon? Und plötzlich fühlt sich das Wort "Geliebte" nicht mehr so glamourös an.

Wird die Geliebte geliebt?

Wer wirklich geliebt wird, bekommt vermutlich nicht nur einmal die Woche von jemandem Besuch, der erst das Bett und dann die Dusche frequentiert. Und gerade, wenn man erkennt, dass der Moment, den man die ganze Woche herbeigesehnt hat, schon wieder vorbei ist, er den Motor anlässt, um zu seiner Familie ins Wochenende zu brausen.

Wie gut, wenn man eine Freundin hat, der man sein Herz ausschütten kann.
Dumm nur, wenn die einen mit klugen Ratschlägen quält, statt grenzenloses Verständnis zu zeigen. "Spar dir deine schlauen Sprüche, was ich von dir möchte, ist Trost!" hatte sie gesagt. Und ihre Freundin hatte geantwortet: "Wie bitte soll man jemanden trösten, der unbedingt einen verlogenen Miesling ganz für sich allein haben möchte?"

Sicher war sie nur sauer, weil sie damals eine Stunde vor dem Konzert abgesagt hatte, nachdem er spontan vorbeikommen wollte. Die Freundin war beleidigt, ihre Karte verfiel. Leider konnte er sich dann doch nicht freimachen.

Einmal hatte ihre Freundin gesagt: "Ich glaube, du willst in Wirklichkeit gar nicht, dass er seine Frau verlässt."

Da fragte sie sich zum ersten Mal selbst: Will ich wirklich einen Mann, der nicht treu ist? Der seine Ehe verleugnet? Will ich an die Stelle dieser Frau rücken, und wird er dann bald über uns sagen, die Ehe bestünde nur auf dem Papier?

Ach was, beruhigte sie sich. Zu einer schlechten Beziehung gehören immer zwei. Außerdem: Ein gebundener Mann hat auch seine Vorteile. Er stellt keine Ansprüche, die Beziehung bleibt spannend, und das Wichtigste: Die Opferrolle ist garantiert!

Übrigens: Zum Betrug gehören auch immer zwei. Nur zum Selbstbetrug, da genügt einer.

"Sag es endlich!"

Warum nur wollen Frauen immer wieder hören, dass man sie liebt. Können sie es sich nicht einfach merken?

Liebesgeschwurbel kommt bei Frauen immer gut an. Liebesbeweise hingegen weniger.
Foto: iStockphoto/sueddeutsche.de

Da steht ein Blumenstrauß auf dem Tisch. So groß wie ein Gebüsch, genau das Richtige für die Garderobe eines Filmstars. "Der ist von meinem Mann", erklärt die Beschenkte, "der macht so was öfter". Die Freundin versucht, den aufkommenden Neid zu unterdrücken und wundert sich, wie selbstverständlich solche Aufmerksamkeiten für die andere zu sein scheinen.

"Kein Wunder", denkt sie, "die bekommt jede Woche so ein Ding". Und man selbst? Höchstens alle paar Monate. Und dann ist es meist so ein mitgebrachter aus dem Supermarkt. Auch hübsch und sicher gut gemeint. Aber trotzdem irgendwie nicht dasselbe.

Wann habe ich eigentlich das letzte Mal Blumen gekriegt, überlegt sie so für sich. Sie kann sich nicht erinnern, kriegt schlechte Laune. Und wühlt weiter im Schlamm der Selbstzweifel. Prompt fällt ihr noch was ein:

"Nie sagst du mir, dass du mich liebst!" platzt es abends aus ihr heraus. "Aber gedacht habe ich es", verteidigt er sich. "Außerdem verstehe ich nicht, wieso ich etwas, das du sowieso schon weißt, in regelmäßigen Abständen wiederholen soll. Kannst du es dir nicht einfach merken?"
"Kannst du es nicht einfach mal sagen?" keift sie zurück. "Und Blumen krieg ich auch fast nie."

Am Anfang ihrer Beziehung gab es öfter mal Blumen. Mit den Worten war es ähnlich: Er sprudelte nur so vor lauter Tiefsinn. Er schrieb sogar Gedichte!

Manche drucken ihre Liebesbotschaft sogar auf ein Banner und lassen es von einem Flugzeug über den Himmel der Heimatstadt ziehen. Andere lassen rote Rosen regnen oder verteilen kleine Zettel mit Liebesbotschaften in der Wohnung.

Und dann wundern sie sich, wenn man das immer haben will!

Frauen müssen lernen zu verstehen: Ein Mann hält sowas nicht durch. Männer tun sich einfach schwerer als Frauen, ihre Gefühle in Worte zu fassen.

Es ist ja nicht so, dass Männer ihre Zuneigung nicht zeigen. Sie tun es eben nur nicht verbal, sondern handeln lieber. Mit anderen Worten: Liebesbeweise statt Liebeserklärungen.

Ein Mann, der liebt, fährt ohne Murren für seine Angebetete abends nochmal los, um an der Tankstelle eine ganz bestimmte Sorte Kekse zu holen. Er repariert die Bremsen an ihrem Rad, flickt die Reifen und besorgt ihr ein neues Fahrradschloss. Alles zu ihrer Sicherheit. Es macht ihm auch nichts aus, jedesmal, wenn sie eine Verabredung hat und nicht mehr weiß, wo sie letztes Mal ihr Auto geparkt hat, aufs Rad zu steigen und die Straßen auf- und abzufahren, um es zu suchen.
Verschiedene Sprachen

Das alles tut er, damit sie spürt, wie viel sie ihm bedeutet. Er ist kein Ritter auf einem Schimmel. Eher eine Art Dienstleister. Lieber würde ein Mann täglich ein Dutzend Reifen flicken, wenn er dadurch vermeiden kann, über seine Gefühle sprechen zu müssen.

Sie hingegen würde auf seine Handwerkerdienste gern verzichten, wenn er nur mal über die Lippen bringen würde, dass er sie liebt. Statt einem funktionstüchtigen Fahrrad will sie unbedingt einen Ritter, der ihr durch einen Strauß roter Rosen Minnegesänge zuschwurbelt.

Sicher sind Frauen in der Lage, die Botschaft eines reparierten Fahrrades zu erkennen. Trotzdem wäre es einfach zu viel verlangt, wenn sie sich darüber ebenso freuen sollen wie über Blumen oder ein Liebesgedicht.

Es hilft also nichts, jeder muss versuchen, dem anderen entgegenzukommen.

Niederknien, küssen, Treue schwören

Auch ein Mann kann sich dazu überwinden, ab und zu ein paar Worte in Bezug auf seinen emotionalen Zustand zu verschwenden. Zur Not kann er sich ja vorstellen, seine Partnerin wäre ein Fernseher, der gerade ein Fußballspiel überträgt. Dann schafft er das im Schlaf: Niederknien (bitte nicht "Schalkööö" rufen!), das Gerät (die Frau) küssen, ewige Treue schwören (sich vorstellen, es wäre der Lieblingsverein).

Als Gegenleistung sollte sie versuchen, sich für die männliche Variante und deren pragmatischen Aspekt zu erwärmen. Mit anderen Worten: die Liebesbeweise dort suchen, wo sie sich verstecken. In Fahrrädern, Ölwechseln oder nächtlichen Spießrutenläufen.

Er weiß eben, dass sie zwar ganz toll über ihre Gefühle sprechen kann, im Reifen flicken aber eine echte Niete ist. Und er weiß auch, dass ihr mit Blumen nicht weitergeholfen ist, wenn sie dafür zu spät zu ihrer Verabredung kommt, weil sie wieder einmal ihr Auto nicht finden kann.

Nur wer nicht fühlen kann, will hören. Und sehen. Doch zuweilen kommt es vor, dass man den Wald vor lauter Blumen ... pardon ... Bäumen nicht mehr sieht.

Übrigens: An dem Blumenstrauß, der für so viel Neid und Unzufriedenheit gesorgt hatte, hängt - kaum sichtbar - eine kleine Nachricht: "Tut mir leid, es wird mal wieder später. Kannst du den Tisch abbestellen? Warte nicht auf mich. Dein G."

Sie öffnet das Fenster, um Luft hereinzulassen. Die Blumen duften einfach viel zu stark.

(Quelle: sueddeutsche.de/luftundliebe)

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